Der goldene Oktober

 

Der Herbst ist die Jahreszeit der Igel.

Igel gibt es in der Zeit von September bis November in jedem Geschäft mit Dekorationsartikeln in allen Variationen als schöne Herbstdekoration zusammen mit bunten Seidenblättern, unechten Fliegenpilzen und sonstigen Symbolbildern der herbstlichen Jahreszeit.

Aber nicht nur in den Geschäften treiben Plüsch-, Polystone-, Gips- und tönerne Igelchen ihr Unwesen, auch draußen in der Natur sind sie aktiv. Jetzt heißt es, sich den Winterspeck für den Winterschlaf anzufressen. Noch ist der Gabentisch für den Igel reich gedeckt. Viele Jungigel sind derzeit dabei, sich auf das erforderliche Gewicht von ca. 800 - 900 g aufzufüttern, damit sie den gesamten Winter durchhalten können. Igel mit geringerem Gewicht können oft nicht lange genug schlafen und wachen, völlig abgemagert, verfrüht auf. Doch der stolze Gartenbesitzer kann etwas dafür tun, den Igeln mehr Winterschlafgewicht zu verschaffen: Durch artgerechte Fütterung mit Katzen-Nassfutter und Igel-Trockenfutter, angeboten im täglich gereinigten standfesten Napf im heimischen Garten.

Der Igel ist ein beliebtes Wildtier. Er sieht auch so putzig aus mit dem witzigen Stachelkleid und dem schwarzen, hundeartigen Näschen.

Seltsamerweise sind Menschen öfters bereit, Igeln in Not zu helfen, als anderen Wildtieren. Der Igel genießt also offenbar ein positiveres Image als Elstern, Krähen, Tauben etc., die Hilfe aber selbstverständlich ebenso nötig haben und auch das gleiche Recht auf Rettung...

Hilfsbereit war auch eine Familie aus Burgebrach, die einen jungen Igel in Not fand.

ein früherer Pflegling von mir, der Igel Kaktus aus dem Jahr 2012

 

Auf ihrer Suche nach Hilfe wendeten sie sich an eine sogenannte Igel-Fachfrau. Diese gab den Leuten, ohne das Tier gesehen zu haben, den Befehl, den Igel unverzüglich am Fundort wieder frei zu lassen, weil dieser nicht von seiner Familie getrennt werden dürfe.

Doch die Finder kamen dieser Aufforderung zum Glück nicht nach. Hatten sie doch bemerkt, dass es dem Igel wirklich schlecht ging. Kopfschüttelnd suchten sie verzweifelt nach einem anderen Ansprechpartner und kamen dabei auf unsere Website.

Unsere Moni erklärte sich bereit, mit dem Fundigel zu ihrem Tierarzt zu gehen, und so wurde vereinbart, dass die Finder den Igel zu ihr bringen.

Als der Igel ankam, wurde es Moni ganz anders. Und dieses Tier hatte die Igel-Fachfrau einfach unbesehen wieder in die Natur zurück schicken wollen...

Der Jungigel war über und über mit Fliegenmaden befallen, die sich stellenweise schon durch die Haut gefressen hatten! Er wäre draußen jämmerlich verreckt, und seine Igelfamilie hätte ihm hier keineswegs irgendetwas geholfen oder genützt!!!

Moni war geschockt über den entsetzlichen Zustand des Igelchens. Hier blieb leider nur noch eine einzige Möglichkeit: Da die Maden schon zuviel Gewebe zerfressen hatten, brachte sie ihn umgehend zu ihrem Tierarzt zum Einschläfern.

Aus dieser Erfahrung heraus empfehlen wir allen Wildtier-Findern: Falls Sie eine Auskunft sogenannter Fachleute merkwürdig finden und deren Aussagen im Gegensatz zum Zustand des Tieres stehen, ist MIsstrauen angebracht. Man sollte in solchen Fällen ruhig noch eine zweite oder dritte Meinung einholen, und zwar eine, die auf echter Beobachtung und Untersuchung durch Fachleute beruht. Die Burgebracher Finder haben sich daher goldrichtig verhalten.

Kein Fachmann und keine Fachfrau kann von telefonischen Beschreibungen eines Laien her auf den tatsächlichen Zustand eines Tieres schließen. Der echte Fachmann lässt sich daher das betreffende Tier immer vorzeigen, und stellt es im Bedarfsfall selbst einem Tierarzt vor.

Im Fall des Fliegenmaden-Igels kam es uns eher so vor, dass man kein Interesse hatte, den Igel überhaupt zu begutachten. Wäre er nach einem Gesundheitscheck bei der Fachfrau für gesund befunden worden, hätten ihn die Finder sicher guten Gewissens und gerne wieder am Fundort frei gelassen. Unter den gegebenen Umständen aber wäre er ohne unsere Hilfe leider unter unsäglichen Qualen verstorben. Er hatte bis zu seiner Auffindung ohnehin schon genug gelitten.

Nun blieb sowohl den besorgten Findern als auch uns nur noch der Trost, dass wir das Richtige getan und ein letztes Leid verhindert hatten.

Zum Thema "Fliegenmaden" haben wir unter dem gleichnamigen Menüpunkt eine Kurzinformation zur richtigen Verhaltensweise beim Auffinden von mit Fliegenmaden befallenen Tieren für Sie verfasst, die wir Ihnen sehr ans Herz legen. Hier ist stets sofortige Eigeninitiative der Finder angebracht, denn es ist ein Wettlauf mit der Zeit. .

Leider kommen solche Vorfälle häufiger vor, sowohl der Fliegenmadenbefall als auch das Abwimmeln von Findern durch andere Pflegestellen. Solche Tiere landen dann häufig bei uns.

Und so kann es sein, dass inmitten herbstlichen Sonnenscheins, umgeben von einer wunderbar bunten Landschaft, irgendwo ein paar Menschen traurig sind, weil einem leidenden Geschöpf nicht mehr geholfen werden konnte. Wäre die Finderin nämlich sofort zu uns gekommen, hätte man den Igel evtl. noch retten können. So verlor sie Zeit durch die Anfrage bei einer anderen Pflegestelle, die sich die Fachkompetenz für Igel auf die Banner geschrieben hat, aber nicht weiter half. Fliegenmaden sind aber gar kein typisches Igelproblem, sondern sie können jede Tierart treffen. Denn Fliegenmaden machen keinen Halt vor Wunden, urin- oder kotverschmiertem Fell oder sogar vor Schweißabsonderungen. Da ist ihnen gerade jedes Tier recht - ohne Rücksicht auf Verluste.

Allen Findern empfehle ich daher, lassen Sie sich nicht abspeisen mit irgendwelchen Floskeln, sondern suchen Sie sich jemand, der bereit ist, sich die Zeit zu nehmen, nachzuprüfen, ob es Ihrem Findling wirklich gut oder schlecht geht.

Im Zweifel suchen Sie einfach selbst einen Tierarzt auf.

 

Herbstfärbung des amerikanischen Blütenhartriegels

 

Susanne Wicht