Mother of a rat

Oder: Wie ich Mutter einer Bisamratte wurde

Am 18.11.2014 erreichte mich in meiner Mittagspause ein Anruf der Polizei Forchheim. Nicht zum ersten Mal war der freundliche Polizist in der Leitung, dessen stellvertretender Chef mir mal in unserer Betriebs-Cafeteria erzählt hatte, er sei sowohl ein großer Tier- als auch Menschenfreund. Das ist eine Kombination, die es so häufig gar nicht gibt, und deshalb auch bemerkenswert.

Ich befand mich zu der Zeit gerade in unserem Spendenlager für hilfebedürftige Menschen, als der Anruf eintraf.

Ein Biber, so die erste Meldung seiner Kollegen, sei wohl verletzt in der P-Straße in Forchheim aufgetaucht. Mit der richtigen Bestimmung der Tierart haben die meisten Finder Probleme, so dass ich mich erkundigte, ob es wirklich sicher ein Biber sei. Der nette Herr von der Polizei fragte bei seinen Kollegen über Funk nach, und erhielt die Antwort, es sei ein kleines Tier. Na denn, so dachte ich, wird´s wohl eher eine Bisamratte sein.

Die Kollegen seien unsicher, was das Richtige sei, ob das Tier überhaupt Hilfe benötigen würde, oder nicht. Ich sicherte dem Herrn zu, mich auf den Weg zu machen  und verließ meine Helfer, bei denen ich wenige Minuten zuvor erst eingetroffen war. Zerteilen kann man sich leider nicht und ein verletztes Tier hat Vorrang vor Kleidersortieren.

Am Ort des Geschehens eingetroffen hatte sich bereits ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Schaulustige und Neugierige. Kein Wunder, der Streifenwagen der Polizei stand ja schließlich dort und es galt, einen mutmaßlichen Räuber dingfest zu machen.  ;-)

Nachdem die Polizei solche Räuber üblicherweise lieber mir überlässt, zeigten mir die beiden jungen Männer von der Polizei, wo sich das Tier versteckt hatte. Tatsache, eine Bisamratte! Groß wie ein fett gefressenes Meerschweinchen und hoffnungslos aggressiv. Ich hatte leider, da ich auf Arbeit war, auch nur die Skihandschuhe dabei. Und ich zweifelte, dass diese viel nützen würden. Besser als gar kein Schutz jedoch auf alle Fälle!

Die Bisamratte hatte eine übel zugerichtete riesige Beule am Schwanz, die eitrig infiziert aussah und auch entsprechend roch. Das Tier musste fürchterliche Schmerzen haben. Es war derart aggressiv, dass es kaum zu fassen war. Schließlich erwischte ich es doch, aber um den Preis, dass es sich total in meinem linken Zeigefinger verbiss – Skihandschuh durchgebissen. Schließlich packte ich das Tier in eine oben offene Holzbox, da ich leider keine Transportbox dabei hatte.

Bisamratte Ratzfatz total aggressiv - Angst und Schmerz sind die Ursache

Die Leute waren erschrocken über den Biss in den Finger, und gaben gute Tipps gegen Infektionen.  cheeky

Ich erklärte Zuschauern und Polizisten, dass es zum Alltag des Tierretters gehört, mal Bisse abzubekommen. Kein Grund zur Panik. Bisher haben wir alles gut überstanden!

Die beiden jungen Polizisten hatten derweil mein Tierrettungsfahrzeug inspiziert und fragten, bis zu welcher Größe ein Wildtier noch als „kleines Wildtier“ durchginge. Ich erläuterte, dass wir uns zwar auf kleine Wildtiere in Not spezialisiert haben, weil wir für Großtiere keine Unterbringungsmöglichkeiten besitzen, dass wir aber dennoch auch Rehe oder Füchse und Schwäne annehmen, sofern diese in Not geraten, diese aber nach einer Notversorgung auch wieder weiter geben müssen, an andere, geeignete Pflegestellen. Sie erhielten von mir noch einen Wildtierhilfe-Flyer, und dann machte ich mich auf den Weg, eine Transportbox im Fressnapf zu besorgen, um später mit der Bisamratte zum Tierarzt gehen zu können. Dieser hatte erst ab 15.30 Uhr geöffnet. Er ist derselbe Tierarzt, der uns im Sommer das junge Fuchs-Mädchen Fixi zur Pflege übergeben hatte.

Wegen der mittäglichen Stunde war er nicht erreichbar, so kehrte ich erst mal auf die Arbeit zurück, die Bisamratte blieb im Auto. Ich musste mich  zu Beginn der tierärztlichen Sprechstunde auf Arbeit also schnell ausstechen, um das Tier weg zu bringen, denn Abwarten bis  zum Abend wäre ungut gewesen. Zum Glück war die Praxis nicht weit vom Arbeitsort entfernt, so dass ich schnell wieder zurück war. Die Bisamratte würde ich abends nach der Arbeit wieder abholen...

So geschah es auch, doch der Arzt teilte mir mit, dass er aufgrund der hohen Aggressivität keine Medikamente hätte spritzen können. So bekam ich die Bisamratte also mit ein paar Tabletten zur eigenen Behandlung mit. Zuhause war es ein Kampf, der Ratte Schmerzmittel und Antibiotikum einzugeben, aber schließlich war es geschafft. Einige Stunden später, als der Wundschmerz durch das Schmerzmittel nachließ, war die Ratte zwar noch ängstlich, aber sie fuhr nicht mehr wie ein Berserker auf mich los.

Am nächsten Tag ließ sie sich vorsichtig (und mit Handschuhen) streicheln. Wieder gab es Medikamente, und abends war ein Streicheln ohne Handschuhe möglich. Am zweiten Morgen konnte ich sie aus der Box des Tierarztes in einen Meerschweinchenkäfig umsetzen. Sie ließ sich, wenn auch bocksteif, aufnehmen und „umtopfen“.

Der kleine Teufel lässt sich streicheln und hinter dem Ohr kraulen - Mama hat geholfen, das hat Ratzfatz verstanden

 

Der Infekt ist auf dem Rückmarsch, die Schwellung und Eiteransammlung gehen zurück. Die Bisamratte wird es schaffen. Irgendwie ist sie putzig, wenn sie nicht gerade in Kampfeslaune ist, dachte ich bei mir.

Jemand, der mich nicht mag, würde mich nun wahrscheinlich "mother of a rat" nennen, als Äquivalent zu einem son of a bitch.   devil

Die Bisamratte, die von mir den Namen Ratzfatz erhielt, wird weiter behandelt und nach dem vollständigen Ausheilen der Schwanzverletzung wieder an einem geeigneten Gewässer frei gelassen, natürlich in Absprache mit der zuständigen Naturschutzbehorde.

Der Polizei Forchheim sei für die Informationsweitergabe gedankt. Ratzfatz hätte ohne medikamentöse Behandlung keine Chance gehabt, den Infekt zu überleben, sondern wäre elend an einer bakteriellen Sepsis zugrunde gegangen.

Ratzfatz lächelt freundlich und schmerzfrei in die Kamera - im Holzschlafhaus gefällt es ihm gut

 

 

Susanne Wicht