Polizei an Bord

 

Oder: Rehkitz wartet auf die Tierrettung

 

Am 16.08.2014 erreichte mich am frühen Nachmittag ein Anruf der Polizei Bamberg - Stadt. Der Polizist am anderen Ende lobte, dass ich zum Glück gleich ans Telefon gegangen sei. Finder hätten unweit des Hotels Altenburgblick ein hilfloses Reh entdeckt, das aber noch munter schaue.

Natürlich sagte ich zu, das Reh zu holen, bat aber um einige Minuten Geduld, da ich den Kangoo erst abladen musste - auf der Ladefläche waren noch die Futtersäcke und Einstreupackungen vom letzten Einkauf deponiert.

Außerdem war ich zum Zeitpunkt des Anrufs gerade mit meiner Mutter unterwegs zum Klinikum am Bruderwald gewesen, weil wir dort dem schwer kranken Vater einen Besuch abstatten wollten. So musste Mutter erst mal alleine ins Krankenhaus, und ich rückte zur Reh-Rettung aus. Der Fundort des Rehs befand sich in der Nähe des Hotels Altenburgblick. Ich konnte den Streifenwagen schon aus der Entfernung sehen. Der freundliche junge Polizist stieg gleich bei mir mit ins Tierrettungsfahrzeug ein und wies mich an, wo ich hinzufahren hätte.

Die Polizei unterwegs im Tierrettungsfahrzeug der Wildtierhilfe Bamberg! Das gefiel mir, und ich dachte für eine Sekunde, wir können ja mal kurz tauschen und ich kriege den Streifenwagen dafür! Einmal mit Blaulicht und Martinshorn herumdüsen!    :-D

Wir werden zwar öfters von der Polizei um Hilfe in Wildtier-Notfällen gebeten, doch an Bord des Kangoo war bislang noch kein Polizist mitgefahren!

Ein halbwüchsiges Rehkitz sei es, so der Polizist, und er und seine Kollegin fänden es zu munter zum Töten. Es sollte noch eine Chance bekommen. Das Muttertier sei zwei Tage vorher von Hunden gerissen worden. (Die Finderin sprach später von vier Tagen.)

Welch ein entsetzlicher Tod! Und wieder sind Menschen schuld daran, denn Hundehalter müssen Sorge dafür tragen, dass ihre Hunde nicht wildern gehen können.

Ich hoffe, die Halter dieser Hunde konnten wenigstens ermittelt werden, damit sie eine empfindliche Geldstrafe aufgebrummt bekommen. Das macht das Reh nicht wieder lebendig, aber vielleicht werden die Leute achtsamer und leinen ihren gefährlichen Hund künftig an.

Der (liebe) Hund einer anderen Hundebesitzerin hatte das Rehkitz wenige Zeit vor meiner Alarmierung unter alten, abgestorbenen Ästen am Waldrand erschnüffelt und seine Halterin darauf aufmerksam gemacht. Diese hatte dann die Polizei informiert.

Der junge Mann dirigierte mich einen sagenhaft schmalen Weg entlang, der eigentlich nur für landwirtschaftlichen Verkehr zugelassen ist. Der Teerweg wurde immer schmäler und mündete schließlich in einen unbefestigten Waldweg. Holterdiepolter ging es quer über eine Wiese bis zu einer kleinen Waldlichtung. Dort wartete eine junge hübsche Polizistin mit langen blonden Haaren und hütete inzwischen das arme Rehkitz.

Es war in Seitenlage, bewegte aber immerhin seinen Kopf. Ich nahm es auf, untersuchte es kurz, und trug es dann zum Tierrettungsfahrzeug. Sowohl die junge Dame als auch ihr Kollege äußerten nochmals, sie seien froh, dass ich gleich erreichbar gewesen sei, denn sie hätten nicht gewusst, an wen sie sich sonst hätten wenden sollen. Die junge Dame fragte noch, was wir nun mit dem Kitz machen würden. Ich erklärte ihr, dass es bei mir bleibt, solange es ihm schlecht geht, anschließend aber in eine andere Station mit Unterbringungsmöglichkeit für Rehe umziehen müsse, da wir von der Wildtierhilfe Bamberg nicht auf große Wildtiere eingerichtet sind. Doch vor dem Transport, so meine Worte, müsse es erst wieder auf die Beine kommen, denn ein Transport bedeutet immer Stress für das Tier.

Dass uns noch immer ein Gehege für größere Wildtiere fehlt, liegt hauptsächlich darin begründet, dass wir immer noch sehr wenig Spenden erhalten. Für Privatleute ist eine große Auffangstation einfach nicht finanzierbar, uns fehlen zahlungskräftige Sponsoren.

Zurück zum Rehkitz: Es war am ersten Tag so schwach, dass es selbst weder trinken noch fressen wollte. Es bekam Infusionen und wurde zwangsernährt, indem ich ihm Grünfutter ins Mäulchen steckte, welches es aber nur ganz mühsam kauen konnte. Es war selbst hierzu zu schwach.

Am nächsten Morgen ging es unserem Kitz schon besser, es frisst nun eigenständig sein Gras und trinkt auch sein Wasser selbst aus dem Napf. Zum Stehen ist es noch zu schwach. Da ich bei genauer Untersuchung bei ihm ebenfalls Wunden von Hundezähnen im Hals entdeckte, erhält es nun nach tierärztlicher Anweisung täglich Baytril gegen Wundinfekte.

Unglaublich, was Wildtiere alles mitmachen müssen, weil Menschen unachtsam und egoistisch sind!

 

Es steht gegenwärtig noch nicht fest, ob das Rehkitz durchkommen wird, aber ich bin vorsichtig optimistisch.  Ich bin der Polizei Bamberg-Stadt sehr dankbar, dass sie mich angerufen haben. Das Kitz wäre hilf- und wehrlos unter den alten morschen Ästen elend zugrunde gegangen.

Nun drücken wir dem neuen kleinen Bambi die Daumen und hoffen das Beste. Den beiden netten jungen Polizeibeamten habe ich angeboten, dass sie gerne in ein paar Tagen anrufen und nachfragen dürfen. Sie erhielten von mir unseren Wildtierhilfe-Bamberg-Flyer.

Bis zum nächsten Einsatz, dachte ich mir, als sie davon düsten.

Unser Altenburg-Bambi

 

Wir können sehr froh sein, dass uns Rico Starrach den Kangoo geschenkt hat. Das Tierrettungsfahrzeug war in einem Vierteljahr nun schon hundertfach im Einsatz, und der Transport von größeren Wildtieren wäre uns im normalen Pkw nicht möglich.

Über dieses Fahrzeug freuen sich deshalb alle, wir, die Polizei, die geretteten Tiere und auch die netten Finder aus der Region, die uns um Hilfe für ihre Findlinge in Not bitten.

Möge es uns sehr lange erhalten bleiben!

 

Susanne Wicht