Viel Täubchen für ein Halleluja

Ein fränkischer Kirchturm soll mit Taubenabwehrnetzen verkleidet werden.

Das ist, als ob die Kirche den Heiligen Geist selbst aussperren wollte. Die Taube ist seit alters her Symbolbild des Heiligen Geistes, und ein Bote des Friedens.

Dennoch stören Stadttäubchen, welche sich den hohen Kirchturm als Nistplatz auserkoren haben, die Kirchenverwaltung. Deshalb sollen die Tauben künftig am Einflug in die Fensteröffnungen und Spalten gehindert werden.

Seit Jahren brüten Stadttauben in dem alten Kirchturm, und auch jetzt sind eine unbekannte Anzahl von Taubennestern im Turm vorhanden. Ein Teil des Turms ist begehbar, ein Teil nicht. Die Tauben nisten aber überall, wo Öffnungen vorhanden sind.

Die Taubenabwehr-Aktion wird dem Verein Menschen für Tierrechte bekannt, und dort herrscht Entsetzen: Es kann ja nicht angehen, dass kleine unschuldige Taubenbabys und ihre Eltern in dem Turm bei lebendigem Leibe eingeschlossen werden sollen! Glücklicherweise ist die Kirchenverwaltung bereit, für eine Rettung der Taubenkinder ihr Einverständnis zu geben.

Und so startet eine waghalsige Rettungsaktion am Kirchenturm.

7 Taubenkinder, eine magische Zahl, können bei dieser, kurz vor der Abenddämmerung durchgeführten Rettungsaktion geborgen werden. Zum Glück!

Der Rest sind Eier, welche von der Taubenabwehrfirma später entsorgt werden. Wir hoffen, dass sich keine fast fertig entwickelten Embryonen darin befanden.

Die Taubenkinder werden von Frau S. von Menschen für Tierrechte und ihrer freundlichen Kollegin nachts noch nach Hirschaid zu unserer Entenmama Petra gebracht, wo wir erst mal den Zustand der Täubchen checken und sie dann aufteilen: Petra behält die zwei mittelgroßen, ich nehme die zwei ganz kleinen, Inge kriegt die drei ältesten. Wir müssen aufteilen, da es neben unseren anderen Verpflichtungen her für eine von uns alleine zuviel gewesen wäre, denn die Täubchen fressen ja noch nicht von alleine.

Aufgeteilt lässt sich die Gruppe jedoch problemlos mit unseren anderen Aufgaben vereinbaren. Meine Winzlinge stellen sich als absolute Plaudertäschle heraus. Sie piepen ständig im Chor. Gesangliche Verstärkung erhält dieser kleine Kirchen-Chor durch ein weiteres junges Täubchen, welches mir aus dem Bamberger Raum gebracht wurde. Diesem ist ein Füßchen durch die Schnüre eines Taubenabwehrnetzes abgestorben. Das arme Ding, welche Qualen musste es erdulden! Jetzt wird ihm geholfen.

Wir freuen uns, dass die Taubenkinder vom Kirchturm gerettet werden konnten und hoffen, dass keines unbemerkt zurück geblieben ist. Es ist schade, dass Eltern und Kinder auseinander gerissen werden mussten, doch bleibt bei solchen Aktionen der Gebäudeeigentümer keine andere Wahl.

Wir selbst lehnen die Abwehr von Tauben durch Netze, Drähte, Spikes etc. ab, da diese schlimme Verletzungen bis zur Todesfolge verursachen können.

Folge von Taubenabwehr-Netzen aus Nylonschnüren: Die Zehen des linken Fußes des jungen Täubchens starben unter schlimmen Schmerzen ab - hier hilft nur eine Amputation

 

Statt dessen bevorzugen wir die Ansiedelung von Stadttauben in städtischen Taubenunterkünften. Diese werden durch einen Taubenwart gereinigt, und die Eier werden gegen Gipsimitate ausgetauscht. So können sich die vorhandenen Tauben nicht weiter vermehren. Städtische Taubenschläge sammeln in einem Jahr mehrere Tausend Eier ein! Es leuchtet deshalb sicher selbst dem Laien ein, dass wir auch und besonders in der schönen Weltkulturerbe-Stadt Bamberg dringend städtische Taubenschläge benötigen würden.

Nun werden wir uns jedoch erst mal der Aufzucht der kleinen Kameraden widmen, welche mehr Glück hatten als andere Artgenossen und aufgrund des ehrenamtlichen Engagements des Vereins Menschen für Tierrechte weiter leben dürfen, anstelle qualvoll hinter Netzen zu verhungern und zu verdursten.

 

   

Die zwei jüngsten vom Kirchturm: Billy Idol und Willy Idol

 

Für uns ist es wahrhaft christlich, auch denen zu helfen, die in der Gesellschaft kein großes Ansehen genießen, einfach weil es Lebewesen sind, die Rechte besitzen, und die an ihrem kleinen, bescheidenen Leben hängen - ebenso wie der Mensch. Wir erwarten auch von unseren eigenen Artgenossen, den anderen Menschen, Barmherzigkeit gegenüber allen Mitgeschöpfen. Alles andere wäre nicht christlich, sondern Heuchelei.

 

Susanne Wicht

 

Nachtrag:

Hier ein Foto von Billy und Willi Idol einen Monat später - Willi ist aufgrund einer Krankheit etwas zurück geblieben. Jetzt geht es aber wieder gut!