Weihnachtsschwan statt Weihnachtsgans...

Für gewöhnlich hat Ottonormalverbraucher vor Weihnachten besonders mit einer Tierart zu tun: Mit der Weihnachtsgans.

Da dies vielleicht dem Fleischkonsum-Gourmet, nicht aber dem Tierschützer eine Freude ist, wollen wir uns lieber der Geschichte unseres Weihnachtsschwans widmen, die im Gegensatz zum Ende der Weihnachtsgans ein durchaus sehr passables Happy End gefunden hat.

Die Wildtierhilfe Bamberg erhielt gegen Ende November 2013 den Notruf einer besorgten Sulzfelderin, die uns mitteilte, auf ihrem örtlichen Weiher sei ein Jungschwan zurück geblieben. Die Familie sei davon gezogen und habe den kleinsten und schwächsten zurück gelassen. Der Schwan fände aufgrund der Jahreszeit weder mehr etwas zu Fressen noch könne er auf diesem kleinen Weiher bleiben, weil dieser im Winter völlig zugefrieren würde. Der Schwan übernachte im Wasser, um sich vor dem Fuchs zu schützen, und sei somit gefährdet, den Erfrierungstod auf dem Weiher zu sterben.

Leider geschieht es landauf, landab immer wieder, dass Wasservögel über Nacht im Eis festfrieren. Immobilisiert leiden sie bald an Untertemperatur und Nahrungsmangel. Die Tiere gehen elend zugrunde, wenn keine Hilfe naht. Die Finderin rief im örtlich zuständigen Tierheim an. Doch leider erklärte man dort, man sei nicht zuständig für Tierrettungsaktionen von Wildtieren - und dies, obwohl dieser Tierschutzverein im § 2 Abs. 2 seiner Satzung erklärt:

Die Tätigkeit des Vereins erstreckt sich nicht nur auf den Schutz der Haus- bzw. Heimtiere, sondern auch auf den Schutz der frei lebenden Tierwelt. Zu diesem Zweck arbeitet der Verein mit ähnlich gesinnten Organisationen, insbesondere dem Bund Naturschutz und sonstigen Organisationen zusammen.

Da die Finderin also trotz Vereinssatzung keine Unterstützung vor Ort fand, bat sie die Wildtierhilfe Bamberg um Rettung des armen Jungschwans. Ich empfahl zunächst, das Tier anzufüttern, d. h. an die tägliche Fütterung durch den Menschen zu gewöhnen und hier insbesondere das Vertrauen zur Finderin zu fördern, damit bei einer späteren Einfangaktion das Tier nicht flieht, sondern herannaht in der Hoffnung auf gutes Futter.

Einsam und hungrig - Handy-Schnappschuss der Finderin, Frau Tüchert aus Sulzfeld. Mit freundlicher Genehmigung von Frau Tüchert, Copyright: Tüchert, Sulzfeld

 

Die Anfütterungs-Methode ist eine Methode, die ich immer empfehle, wenn Wildtiere sehr scheu sind. Außerdem wird durch die tägliche Fütterung gewährleistet, dass das Tier Futterdefizite ausgleichen und sein Gewicht wieder normalisieren kann.

Ich erklärte der Finderin, dass ich selbst wegen Berufstätigkeit und eigener Pfleglinge keine weiteren Fahrten unternehmen kann, ihr aber Hilfe zum Einfangen des Schwans schicken würde. Leider ergab es sich so, dass unsere Kurierfahrerin und Einfang-Spezialistin Inge derzeit nicht mobil war, weil ihr Auto plötzlich stehen blieb. Bedauerlicherweise geschah der Auto-Defekt gerade in den Tagen nach dem Telefonat, als es auf dem Weiher Frost gab und der Schwan tatsächlich mitten auf dem Wasser festgefroren war. Ein neuerlicher Hilferuf ging ein, doch konnte sich der Schwan aufgrund der mittäglich wärmenden Sonne dann doch selbst aus der dünner werdenden Eisschicht lösen.

Glücklicherweise wurde das Wetter wie bestellt wieder milder, und so schwamm der Schwan bis zur Reparatur des Autos unproblematisch und bestens gefüttert weiter auf dem Weiher seine Runden. Ein neuerlicher Kälteeinbruch gegen Mitte Dezember 2013 führte dazu, dass wir unsere Rettungsaktion nicht mehr aufschieben konnten.

Ich entsandte Inge, die sich - mit Wurfnetz und Transportbox ausgerüstet - auf den weiten Weg nach Sulzfeld machte, um zusammen mit der Finderin den Schwan einzufangen und umzusiedeln.

Sie staunte nicht schlecht, als sich bei ihrem Eintreffen nunmehr auch eine Gruppe von Mitgliedern des örtlichen LBV eingefunden hatte, um bei der Einfangaktion mitzuwirken.

Ein junger Mann vom LBV Rhön-Grabfeld übernahm das Wurfnetz. Die Finderin lockte ihren Schwan durch den gewohnten Pfiff, auf den der Schwan mittlerweile schon konditioniert war, aus dem Wasser. Ich hatte der Finderin eigens empfohlen, den Schwan am Tag der Rettungsaktion nicht zu füttern, bis Hilfe vor Ort sei, damit der Schwan auch wirklich hungrig aus dem Wasser kommen würde. Das Anlocken klappte wie am Schnürchen. Schwani watschelte erfreut aus dem Wasser, in der Hoffnung auf lecker Fresschen.

Nun hieß es, das Wurfnetz sicher über den fressenden Schwan zu werfen. Die Spannung stieg... Der junge Helfer schaffte es spielend auf Anhieb, den Schwan einzufangen. Unsere Inge verfrachtete den verduzten und mittlerweile aufgeregten Schwan in eine mitgebrachte Transportbox. Dann rief sie mich an, um vom Erfolg der Rettungsaktion zu berichten. Ich bat sie darum, den Herren vom LBV auszurichten, dass sie den zuständigen Jagdpächter verständigen mögen, denn jagdbares Wild darf man nicht einfach ohne Einverständnis des Jagdpächters aus dessen Revier entfernen.

Der Kreisgruppenvorsitzende des LBV Rhön-Grabfeld, Daniel Scheffler, bewirtschaftet mehrere Weiher, auf denen schon seit drei Jahren ein flugunfähiger Schwan lebt. Es erschien allen die beste Lösung, den Jungschwan dort frei zu lassen. Der Weiher dort friert nie ganz zu. Außerdem ist ein Artgenosse vorhanden. Die Winterfütterung ist gewährleistet. Also packte Inge ihren freiwilligen Helfer vom LBV, Herrn Konrad Guck, ein und sie fuhren mit Schwani weiter zu den Weihern.

Dort erfolgte dann die Freilassung:

(alle folgenden Fotos mit freundlicher Genehmigung von Daniel Scheffler, Kreisgruppenvorsitzender des LBV Rhön-Grabfeld, Copyright: Daniel Scheffler)

Nach dem Öffnen der Box begab sich unser Jungschwan gleich ins Wasser, wo er auf den alteingesessenen Schwan zuhielt, der seinerseits aufgeplustert und auf Revierverteidigung bedacht auf den Eindringling zuschwamm:

 

Nun erreichte die Spannung ein zweites Mal einen Höhepunkt: Wird der alteingesessene Schwan den Neuzugang akzeptieren???

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Wie die erste Begegnung der beiden Schwäne verlief, sehen Sie hier:

 

 

... und hier:

 

... und in kürzester Zeit war allen Zusehenden klar: Hier haben sich zwei einsame Seelen getroffen! Schwani und Schwaninchen sind Freunde!

Und wer weiß, vielleicht werden sie im nächsten Frühjahr ein Paar und wir bekommen lauter süße neue kleine silbergraue Babyflaum-Schwänchen!   :-D

Alle Anwesenden freuten sich, wie gut die Rettungsaktion verlaufen war. Ich selbst bekam natürlich hinterher alles berichtet und freute mich ebenso. Schade, dass ich nicht selbst dabei war!

Die Wildtierhilfe Bamberg hat auch hier wieder einmal einem auswärtigen Tier in Not geholfen, weil Hilfe für Tiere nicht ausschließlich landkreisbezogen geleistet werden sollte. Ein Tier kann nichts dafür, dass es an einem fernen Ort geboren wurde oder lebt. Hilfe sollte überall dort geleistet werden, wo sie erforderlich ist.

Wir danken dem LBV Rhön-Grabfeld für die Mithilfe und tatkräftige Unterstützung bei der Einfang-Aktion und für das Angebot, den Schwan auf dem besagten Weiher wieder frei lassen zu dürfen. Gerne stehen wir dem LBV für weitere Rettungsaktionen und für Fragen bezüglich Vogelaufzucht und -krankheiten zur Verfügung.

Da wir eine Privatinitiative sind, die weder Mitgliedsbeiträge noch staatliche oder kommunale Zuschüsse erhält, wurden auch die Kosten für diese Rettungsaktion (Fahrtkosten) wie üblich privat von mir finanziert. Um solche Rettungsaktionen weiterhin anbieten zu können, benötigen wir dringend Sponsoren. Wir sind für jede Spende dankbar. Bei uns können Sie sicher sein, dass Ihr Geld wirklich den Tieren direkt zugute kommt und nicht durch Ausgaben für Verwaltungskram oder sonstige Neben- oder gar Personalkosten geschmälert wird. Für Ihre Unterstützung sind wir jederzeit sehr dankbar. Bitte helfen auch Sie, dass wir weiterhin helfen können, wenn Wildtiere und Tauben in Not sind.

 

Susanne Wicht

Nachtrag: Daniel Scheffler hat sich bereit erklärt, die Fahrtkosten für die Fahrt von Bamberg nach Sulzfeld aus LBV-Mitteln zu erstatten. Wir danken dem LBV Rhön-Grabfeld für die Kostenerstattung.

 

Nachricht von Daniel Scheffler vom 12.03.2014: Beiden Schwänen geht es gut, sie sind ein Herz und eine Seele. Wir freuen uns für die beiden Tiere und hoffen auf baldige Zusendung neuer Fotos!  :-)

 

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August 2014:

 

Neue Meldung von Daniel Scheffler vom LBV Rhön-Grabfeld:

Schwani und Schwaninchen sind verliebt wie am ersten Tag! Hier ein Foto von den beiden in ihrem sommerlichen Badeteich:

Unser Sulzfelder Schwani trägt mittlerweile auch weiß statt schmutzig-grau-braun... Ein schönes Foto! Danke an Daniel Scheffler, der uns die Veröffentlichung freundlicherweise wieder genehmigt hat! Copyright: Daniel Scheffler, LBV Rhön-Grabfeld